berlin-hannover.

Derselbe Beat. In billiges Plexiglas geritzte Tags. Der Wunsch in dieser Welt eine Spur zu hinterlassen, seinen Namen ins Gedächtnis gelangweilter Zugfahrer zu brennen. “Rush”, jetzt bist du in diesem Text. Erst auf Papier, dann digital, gescannt von Suchmaschienenbots, gespiegelt von Newsaggregatoren. Reproduktion. Beachtung. Kunst. Beatbreak. Vielleicht auch einfach nicht.

Eine Frau, Mitte sechzig, rot-braun gefärbte Kurzhaarfrisur, knall roter Anorak, verachtend-frustrierter Blick trotzt der Zeit und ihrem Alter indem sie den ihr angebotenen Sitzplatz verneint. Sie überlässt ihm einen jungen Brillenträger, der aussieht als könnte er es nicht abwarten endlich fünfundfünfzig zu sein. Er ist angezogen wie mein Opa oder wie sein Chef. Wie sein Chef, der ihn an diesem Montag stundenlang durchs Büro gejagt hat und wegen dem er dieses emotionslose Outfit trägt. Grau auf schwarz auf weiß auf Angepasstheit. Und er braucht diesen Sitzplatz auch ziemlich dringend weil er so fertig ist, dass er nur noch schafft irgendein Alibi-Buch auf seinem Schoß aufzuklappen bevor er vollkommen erleichtert in einen 10-minütigen Schlaf verfällt indem er von irgendeiner Sache träumt, die seinem Leben einen Sinn geben könnte. Zuhause macht er sich Spaghetti Miracoli. Er bügelt vor dem Schlafen gehen noch schnell seine andere schwarze Hose. Das Hemd kann er ruhig nochmal anziehen. Wenn er 50 ist wird er bestimmt auch endlich eine S-Klasse fahren. Nur noch 25 Jahre kein Leben. Er macht wohl was falsch.
Schwarze Strumpfhose, weißer Trenchcoat und bunter Blümchenschal. Sie macht auch irgendwas falsch.
Menschen quetschen sich durch Türen. Sehen aus wie Dilettanten in einer Kunst, die sie nicht verstehen.
Die Sonne spiegelt sich im vorbeirauschenden See, genauso wie die grauen Plattenbauten.

Einer der Dilettanten sitzt zwischen sein Gepäck geklemmt neben der Tür und versperrt den Weg. Er strapaziert Nerven und scheint zufrieden dabei. Er trägt eine lächerlich kindliche Mütze. Hin und wieder blickt er arrogant durch seine rot-blau-unterlaufende Augen durch das Abteil und lächelt, wobei eine beachtliche Zahnlücke zum Vorschein kommt. Kann er sich keine Zahnspange leisten? Ab und zu nickt er energisch mit dem Kopf und bewegt seine Hand komisch-abgespackt. Es könnte ein Zusammenhang zu seinen weißen Kopfhörern bestehen. Immer wieder kritzelt er in seinem Block herum. Er schreibt: Reflektiere oder werde reflektiert.

Noch zwei Stunden und zweimal umsteigen.

5 Antworten zu “berlin-hannover.”

  1. S sagt:

    Reflektiere oder werde reflektiert.

    Das sind ziemlich starke Worte.

  2. dings sagt:

    einfach nur gut. die selbstironie am ende nimmt dem vorangegangenen text diese arroganz und überheblichkeit.

  3. simon sagt:

    Leben ist halt eine Kunst, in der es einfach viel zu viele Dilettanten gibt… ;-)

  4. die goldene klinke sagt:

    da hab ich doch gedacht:

    ..da steht doch nicht echt..

    mh?!

    meint er etwa–?

    ja..!

    laut in die Cafeteria hinein gelacht.

    geschämt

    und herrlich gefreut.

    *fühle mich wieder erkannt*

  5. Get Perfect! sagt:

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