amsterdam-hannover.

Gedränge. Es riecht nach Urin und nach in Fett gemästeten, in einer kackfarbenen Sauce ersaufenden Pommes. Holländische Spezialität. Menschen sitzen auf dem Boden, sitzen im Dreck. Dreck unter den Schuhen. Dreck in den Köpfen. Der Beat knallt gegen die sich aufbauende Verachtung. Bekämpft sie, umschlingt sie, löst sie auf. Und sie isst immer noch Sauce, dazu Pommes und genießt. Ich sitze unbequem aber jetzt kann ich es ihr gönnen. Ein Gesicht spiegelt sich in der Unebenheit von billigem Plexiglas. Wird verzerrt, abstrahiert, zur fiesen Fratze und passend dazu verdunkelt sich auch der Beat wieder. Ich versichere mich, dass die Fratze zu einem dicken, harmlosen Jungen gehört. Ich glaub hier muss ich raus!?
Sie ist kalt und nass. Ihr Name ist Hilversum und sie bittet mich um 25 Minuten. Verspätungen können nerven wenn sie dir deine Zeit nehmen. Aber ist alles Einstellungssache. Wenn du gut drauf bist ist es geschenkte Zeit. Dann sitzt du in einem verdreckten Glaskasten, der vorgibt warm zu sein, in irgendeinem holländischen Kaff und denkst über die Dinge nach. Mit dem richtigen Soundtrack wird dann Wartezeit zu einer Reise durch die komplexen, bergigen, aber immer strahlenden Landschaften der Erkenntnis. Und ich genieße, dass es kalt ist, dass es nass ist, dass es dreckig ist, dass es REAL ist. Denn selbst die bunteste Fantasiewelt, der abgefahrenste Trip, die wildeste Abstraktion, ohne die graue Fassbarkeit der Realität wäre das alles bedeutungslos. Nach diesem Gedanken ist die Wartezeit vorbei und das Album auch. Ich dürste nach mehr Erkenntnis. Doch der neue Zug ist ganz warm, ganz clean, nur Hemdenträger und Automagazine. Das bringt mich vollkommen aus dem Konzept und die bergigen Landschaften der Erkenntnis verschwimmen zum hässlich-deprimierenden Muster des Sitzbezugs. Ich versuche gegenzusteuern und lege wieder was melancholisches auf. Ich brauch kein sinnlos parfümiertes Badesalz, ich fülle meine Wanne am liebsten mit Weltschmerz. Wenn schon deutsche Tugenden dann die der DD.
Mir schräg gegenüber sitzt einer, der aussieht wie Reinhold Messner. Was für ein Bullshit das ist, dass ich weiß wer Reinhold Messner ist. Ein verfickter Bergsteiger. Es ist mir so egal, dass er da hoch geklettert ist und das er den Zeh von seinem Bruder gegessen hat, oder was. I dont fuckin care. Das ist so Wissen, das ich überhaupt nicht will und von dem ich auch nicht weiß wo es herkommt. Hat er irgendwas entdeckt? Nein. Er ist diesen scheiss Berg nur hoch, verdammt, dafür sollen wir ihn jetzt feiern?

Dann war der Flash vorbei. Ich war nicht high, hatte nur nen Kaffee und noch vier Stunden Zugfahrt und 3mal Umsteigen vor mir.

3 Antworten zu “amsterdam-hannover.”

  1. ebbe sagt:

    das gefällt mir! :)

  2. Royal mit Käse sagt:

    Schmucker Text MÄN!

  3. [...] Derselbe Beat. In billiges Plexiglas geritzte Tags. Der Wunsch in dieser Welt eine Spur zu hinterlassen, seinen Namen ins Gedächtnis gelangweilter Zugfahrer zu brennen. “Rush”, jetzt bist du in diesem Text. Erst auf Papier, dann digital, gescannt von Suchmaschienenbots, gespiegelt von Newsaggregatoren. Reproduktion. Beachtung. Kunst. Beatbreak. Vielleicht auch einfach nicht. [...]

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